Auf der Suche nach der Seele eines Zuhauses

Wenn wir von genius loci sprechen, also der ganz besonderen Stimmung und Schwingung eines Ortes, dann ist das natürlich am leichtesten zu entdecken, wenn Gebäude eine Geschichte haben. Jahrhundertealte Kirchen, verlassene Fabriken und längst vergessene und aufgelassene Mühlen, mit verformten oder rissigen Wänden, ramponierten Backsteinen und sichtbaren Rohrleitungen haben alle ein gewisses Etwas. Doch auch wenn solche unkonventionellen Orte eine große Quelle der Inspiration darstellen, können doch nur ganz wenige von uns tatsächlich in einer solchen Umgebung leben, ohne zuvor aufwändige Umbauten vorzunehmen. Wir bewohnen also Neubauten und bewegen uns in vorgefertigten Reihenhäusern, oder wir renovieren Häuer aus den 50er-Jahren, die wir von unseren Eltern geerbt haben und die aus allem möglichen gebaut sind, was damals eben verfügbar war. Diese neu errichteten Behausungen glänzen in Weiß, riechen noch nach frischer Farbe und sind beinahe zu perfekt, und doch lassen sie etwas vermissen, dass sich nur schwer greifen lässt.

 

Auf der Suche nach der Seele eines Zuhauses - Weißlichtküche
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Wenn wir dann schließlich in unser brandneues Zuhause einziehen, lassen wir uns bei der Möblierung von Katalogen inspirieren, weil solche Möbel auf dem Bild oder auch im Geschäft beeindruckend ausschauen. Sobald wir sie allerdings nach Hause bringen, wird der Unterschied sichtbar.

 

Ich kann sofort an der Eingangstür sagen, ob ein Haus eine Seele hat, bevor ich auch nur meine Schuhe ausgezogen habe. Ich muss nur die Tür aufmachen und einen Blick in den Flur werfen. Ich nehme den Fußboden wahr, den Spiegel, das Schuhregal und die Garderobe. Ich bemerke diese Kleinigkeiten und mache einen Schritt in diese neue Welt, mit neuen Vorstellungen darüber, was für Menschen die Bewohner wohl sein könnten. Ich nehme eine bestimmte Schwingung auf, wenn die Hundeleine am Schuhregal aus Leder ist, oder eine Flexi-Leine; ob die bunten Hausschuhe geschäumte Gummisohlen haben oder aus Filz sind. Das gleiche gilt für Kränze an der Tür: Sind sie mit künstlichen Blumen dekoriert, oder bestehen sie aus Ästen, die mit Buchsbaum- und Blaubeerzweigen und roten Beeren aus dem eigenen Garten geschmückt sind.

 

Warum ist das so? Wie entsteht die Seele eines Zuhauses?

 

Auf der Suche nach der Seele eines Zuhauses - weiße Küche und Esstisch
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Wenn Sie nicht in einem Industrie-Loft oder einen renovierten Scheune mit Geschichte wohnen können, dann holen Sie sich wenigstens ein paar Dinge mit Vergangenheit ins Haus. Schauen Sie mal bei Ihren Großeltern auf den Speicher, oder gehen Sie in Gebraucht- oder Second-Hand-Läden; selbst Kleinanzeigen sind manchmal Fundgruben. Mit etwas Glück finden Sie wahre Schätze, wie zeitlose Sessel, die bloß aufgepolstert werden müssen, oder Industrieleuchten, die nur ein neues Kabel, einen Schalter, eine stromsparende Lampe und ein bisschen Putzen brauchen. Wenn Ihnen ein vergoldeter Bilderrahmen nicht zusagt, können Sie ihn ja blau anmalen, und ein altes Milchtöpfchen ist eine prima Blumenvase.

 

Sie können so vieles selbst machen. Eine Anrichte, ein Handtuchhalter, oder Garderobenhaken aus alten Kupferrohren – das schafft jeder. Dekorieren Sie die Wände. Schaffen Sie sich eine private Galerie aus Bildern, Handschriften, signierten Zeichnungen, Original-Plakaten; Fotografien mit Passepartouts können in Gruppen zusammengehängt werden und bilden ein
außergewöhnliches Kunstwerk, das es auf der Welt kein zweites Mal gibt. Handgearbeitete Dinge mit persönlichem Touch und natürlichen Unzulänglichkeiten wirken Wunder. Ich persönlich habe ein paar originelle Blumentöpfe aus Keramik, Küchenutensilien aus Holz und einen handgewebten Vorleger. Man muss deren Einzigartigkeit und Unvergleichlichkeit einfach lieb gewinnen, vor allem aber, mit wie viel Würde sie altern.

 

Holz ist einfach unersetzlich. Regale, Nachttische, Schuhregale aus massivem Holz unterscheiden sich deutlich von solchen aus laminiertem Material und verleihen dem gesamten Wohnumfeld außergewöhnliche Tiefe. Fangen Sie mit kleinen Dingen an und arbeiten Sie dann weiter über Schemel bis zu Schränken oder einer authentischen Küchenarbeitsplatte, die durchaus auch aus gehärtetem Stein bestehen kann. Ich habe schon vor langer Zeit gemerkt, dass eine Wohnung voller laminierter Sachen noch so viele Kissen und Decken haben kann und trotzdem immer irgendwie flach bleibt. Der Unterschied ist eindeutig.

 

Vergessen Sie auch nicht die Pflanzen. Ein „grünes“ Wohnumfeld ist eine Oase für die Seele. In einer Ecke, auf einem Regal, auf dem Fensterbrett: Stellen Sie ein paar lebende Pflanzen auf, und Sie werden staunen, wie viel heitere Wohnlichkeit solch ein Ort spendet.

Jeder Besuch bei jemandem daheim ist wie ein Vorstoß in eine ganz neue Welt. Das Wichtigste dabei ist, dass Sie selbst sich daheim wohlfühlen. Ein Ort voller Liebe, Glück und origineller Ideen hat die schönste Seele.

 

Anmerkung: Dieser Artikel entstand zusammen mit Bára Perglová.

 

Bára Perglová
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